Ich kauf dein Leben
Hi, mein Name ist Christoph Benkeser. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zu sogenannten Subkulturen in Österreich. Hier schreibe ich einmal im Monat auf, was in der österreichischen Musik noch passiert, außerdem gibt es aktuelle Veröffentlichungen, die gut sind oder schlecht.
Heute im Newsletter: Der ehemalige sogenannte Clubgeschäftsführer klagt. Elastic Skies im Interview. Links zum Lesen. Und wie immer: die begnadetsten Musikanten des Landes.
Grundrauschen zum Tag
Betreff: Üble Nachrede, Ehrenbeleidigung, § 1330 ABGB.
Das Schreiben bezieht sich auf einen Artikel, der seit Herbst 2023 auf der Homepage des Musikmagazins Groove steht. Darin geht es um den Wiener Club Das Werk, der damals öffentlich nach einem Käufer suchte. Und um die Tatsache, dass es gegen mehrere Personen aus der Wiener Clubszene schwerwiegende Vorwürfe gab.
Wir reden von strukturellem Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt, die ganze, na ja, Debatte, die unter #TechnoMeToo lief. Groove hat darüber berichtet, sachlich, mit Quellen. Und den mutmaßlichen Verkauf des mutmaßlichen Clubs mit den mutmaßlichen Taten der mutmaßlichen Täter in Verbindung gebracht.
Jetzt, zwei Jahre später, ein Brief vom Anwalt des ehemaligen sogenannten Clubgeschäftsführers. Darin steht, die Veröffentlichung von damals sei rufschädigend, der Zusammenhang falsch, der Artikel zu löschen, sonst: Paragraf, Absatz, gerichtlicher Schritt.
Man könnte meinen, es sei ein Witz. Die Geschichten über den ehemaligen sogenannten Geschäftsführer, die gehörten und die erzählten, aber auch die erlebten und belegten, sie sind ja alle da, sind so passiert, man müsste nur mal wieder nachfragen, nicht beim ehemaligen sogenannten Geschäftsführer, sondern bei all jenen, die dazu noch in der Lage sind.
Aber es ist Wien. Hier weiß man alles, sagt nichts. Nicht, weil man nicht will, sondern weil man nicht darf. Es ist das neue alte Nachspiel der, äh, Szene: Jeder Satz kann jetzt Beweisstück sein, jeder Halbsatz eine juristische Stolperfalle. Selbst wenn der ehemalige sogenannte Clubgeschäftsführer nicht mal mehr den mutmaßlichen Club betreten darf.
Hatschibratschi …
Bei alldem geht es natürlich nicht um neue Informationen. Nur um die Kontrolle darüber, wer sie ausspricht. Kann ich nachvollziehen. Niemand will mehr vorkommen, wenn er einmal zu oft vorkam. Und ja, nur damit wir das hier festhalten: Der ehemalige sogenannte Clubgeschäftsführer wurde nie verurteilt, zumindest nicht rechtskräftig. Aber darum geht es gar nicht. Der Punkt ist, dass Öffentlichkeit selbst zum Risiko geworden ist.
Dass Berichterstattung, sobald sie Macht beschreibt, als Angriff gilt. Und dass ein ehemaliger sogenannter Clubgeschäftsführer, der sich früher gern öffentlichkeitswirksam als Person des öffentlichen Lebens in die Öffentlichkeit gedrängt hat, jetzt doch lieber, ich zitiere im besten Schulfranzösisch: personne ordinaire sein will.
Die Sache ist: Das funktioniert auch. Seit #TechnoMeToo ist viel Zeit vergangen. In der Zwischenzeit haben manche gelernt, dass Machtmissbrauch ein Imageproblem ist, kein strukturelles. Man taucht eine Weile unter oder hisst eine Regenbogenfahne. Man gründet neue Vereine, um alte Themen in verändertem Licht zu besprechen. Man schreibt »Awareness-Konzept« in den Förderantrag und nennt das zweite Chance.
… Luftballon
Das wäre alles halbwegs absurd, wenn es nicht so konsequent wäre. Denn während die, öh, Szene an neuen Safe Spaces bastelt, wird der öffentliche Raum enger. Was man sagen darf, hängt nicht mehr von der Wahrheit ab, sondern vom Risiko. Also spricht man sicherheitshalber doch wieder über Strukturen, nicht über Menschen, am besten einfach über gar nichts.
Übrigens, dieser Text enthält keine Anlageberatung. Nur Beobachtungen aus einer Stadt, in der alles gesagt wurde. Und jetzt niemand mehr weiß, wer es zuerst gesagt hat.
Grundrauschen gibt’s gratis
Radio Gaga
Heute ist der dritte Dienstag im Monat, das heißt: Heute läuft leider Grundrauschen auf Radio Orange 94.0.
Elastic Skies Interview
ELASTIC SKIES sind Nora Blöchl und Patrick Tilg. Ein Projekt, hinter dem in Klammern abwechselnd Dark Wave, Synth Pop oder Post-Punk steht. Weil es »alles ist«, aber »nicht nur«, wie beide beim braven Cola-und-noch-ein-Soda-Zitron-Trinken sagen. Im Herbst erscheint mit „II« die zweite EP auf Feber Wolle (VÖ: 25.10.2025). Außerdem treten ELASTIC SKIES beim Waves Vienna auf. Davor: ein Interview.
Was hat die Mama gesagt?
Nora Blöchl: Sie hat, zwischen zwei Songs und während ich mich bedankt habe, laut hineingerufen: Na, des konns owa no ned so guat!
Du meinst, das Bedanken?
Nora Blöchl: Ja, der Rest hat ihr eh getaugt. Das Ding ist: Das Projekt funktioniert live auch wirklich gut. Das war uns nicht klar. Die Songs waren am Laptop, wir liefen im Radio. Aber ob das auf der Bühne klappt? Es hätte auch in die Hose gehen können.
Patrick Tilg: Ist es aber nicht. Vielleicht weil wir zu zweit sind. Es klingt voll …
Und düster.
Nora Blöchl: Findest du es so düster?
Ich sag so: Es ist was passiert, sonst würde das nicht so klingen. Die Frage ist nur: was?
Nora Blöchl: Die Welt ist passiert. Dabei haben wir ja auch, ich sag es nicht gerne, Electro Pop-Einflüsse drin.
Wieso sagst du das nicht gern?
Nora Blöchl: Weil es nicht cool ist? Aber deshalb machen wir ja Dark Wave. Wien ist die perfekte Stadt dafür. Zumindest im November, da ist es so schön grau.
Weiterlesen, weiterdenken
Ania Gleich jodelt mit Anna Buchegger
Mio Obernosterer hat gute Nerven
Benjamin Stolz spielt Gitarre
Es gab noch MTV?
Wann kommt das eigentlich nach Wien?
Kai Ginkel sagt Tschüss Illusion
Johanna Hellmich sagt Intendanz
Michael Zangerl rettet die Demokratie
Selma Hörmann sagt 35 Jahre skug
35 Jahre skug sagt Party Party
Was diesen Monat rauscht
Wandl – Volé
Hab ich das gerade in der Panoramabar gehört, ich glaube eventuell schon.
Lars Stigler – Why so empty?
Es ist jetzt schon viel Wut die Donau hinuntergeflossen.
Tape Moon – Detached
Das war hier vielleicht schon mal, ich kann mich nicht erinnern, egal, es ist aber ganz wunderbar, oder.
Kurasha – Severe Condition
American Pie war ein lustiger Film, irgendwann.
Influence – Vienna Hardcore
Da steht Hardcore, aber ich hör nur Verstopfung.
TıSHıNA – Voices in The Wild
Sehe sie schon schreiben, das ist Jazz für Menschen, die gar keinen Jazz hören.
Neue Heimat – Neue Heimat (Fraktur)
Ich sage Rausch und du sagst häh.
Willibald Schneider – Tapfere Schneider Lines
Da häng ich mir die Hose auch unter den Hintern, yoooo!
Alfie Noven – Sinestesia
Ich weiß es wirklich nicht, ist das ganz großartig oder spar ich mir die zivilrechtlichen Konsequenzen.
Demuja – Obsession (Muja)
Wenn der Loop was taugt, darf er sich nicht ändern.
Hotsawce – The Heart
Ich würd so gerne buchen, aber dann müssen wir Hotsawce auf das Poster schreiben.
Fessus – Subcutaneous Tomb
Zünd die Kerzen an, Renate. Wir feiern heute Hällowien.
Dorninger – No Way Out (base)
Obacht, der Fadi, er schreibt, er singt.
slow blinkers – france
Immer noch besser als aufstehen.
Martin Brandlmayr – Interstitial Spaces (Faitiche)
Meine Nichte ist zwei und hat ein Buch mit zwölf Tasten, eine macht muh, die anderen kikerikii und mäh und so weiter.
Darma Klang – Gräfin der Weiden
Ich habe Darm Klang gelesen, ich sage es offen und herrlich.
Jeroen Wijne – Pure Fantasie
Ich mag es, wenn Lieder so heißen wie Duschgel von Kneipp.
Ossinopopo – Obnokokkus
Das nächste Mal, wenn du denkst, du wirst jetzt langsam doch verrückt, hör das.
Fechta – Fechta (Urban Lurk)
Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.
Alex Kranabetter & Pete Prison IV – Stroll
Irgendwann wird jeder jemanden kennen mit einem sogenannten Ambientalbum.
Dietrich Hofer – Haus im Regen
Ich sage toll und das ist es, ganz toll!
Két Idegen – All Relative (Álom Records)
Bravo Hits, zweite CD, es ist 1998 und du liebst Heike Makatsch.
Martinz / Welsh – Baron Sideways
So Soprano Songs, schon.
ENDE – Wiener Frust
So was wollen die Coolenkinder heute, oder.
Bevor wir auseinandergehen …
Gehen wieder in uns, oder.


