Unser Bundespräsident heißt jetzt Charlotte
Hi, mein Name ist Christoph Gleich. Du bist bei Grundrauschen gelandet, einem Newsletter zu sogenannten Subkulturen in Österreich. Hier schreibe ich einmal im Monat auf, was in der österreichischen Musik noch passiert, außerdem gibt es aktuelle Veröffentlichungen, die gut sind oder schlecht.
Heute im Newsletter: Unser VDB ist fast so cool wie Obama. Techno und Rumrennen (na serwas). Martin Kohlstedt im Interview (toll!) Außerdem wie immer: die begnadetsten Musikanten des Landes.
Grundrauschen zum Tag
Obama hat vor, ich glaube, fünfhundert Jahren angefangen, im Sommer eine Playlist zu posten, und die Welt hat gedacht: Schau an, ein Präsident, der Musik hört wie ein Mensch, das muss ja einer sein, der trotz Amt noch ein Innenleben hat! Nun postet also unser Bundeskanzler auch eine Playlist, »due to popular demand«, also: vielfach nachgefragt. Von wem, man will es nicht wissen, was ohnehin egal ist: Popular demand, das ist Amtssprache für »Die Social-Media-Charlotte glaubt, das wird richtig nice.«
Die eigentliche Frage stellt aber keiner: Warum gibt ein Zweiundachtzigjähriger zwar keine Interviews mehr, aber zu, dass er DJ Ötzi hört? Obama war Mitte vierzig, mitten im Amt – man konnte ihm die Coolness wenigstens biologisch noch abkaufen. Van der Bellen ist, na ja, eher so die Kategorie: Ich erklär dir später nochmal, was eine Playlist ist, notfalls zweimal. Dass er es trotzdem selbst behauptet, ist das Anrührende und das Gruselige gleichzeitig: ein Mann am Ende einer sehr langen Karriere, der offenbar noch beweisen muss, dass er nicht von gestern ist – mit einer Marketingtechnik, die selbst schon fünfzehn Jahre alt ist. Man kopiert nicht die Coolness von 2010. Man kopiert die Kopie der Coolness von 2010.
Die Liste, dann: Ornette Coleman, »Lonely Woman«. Sehr gut, sehr sicher, der Mann ist tot, kann nicht widersprechen, verleiht sofortige Tiefe wie ein Zitat von Adorno auf einer Grabrede. Amy Winehouse direkt daneben, aus demselben Grund: tragisch, tot, unangreifbar, ein Klassiker für Leute, die ein Abo bei der Presse haben, ohne das Risiko einer Meinung. Bach-Motetten, natürlich, Bildungsbürgertum meldet sich zurück von der Mittagspause. Chopin, weil es das einzige Klavierstück ist, das auch Leute kennen, die kein einziges anderes Klavierstück kennen. Und mittendrin, wie ein Kuckucksei: Anna Ulrich, ballaballa!
Dazu schwanken wir eine Stieglfahne fürs Abendland, ein tolles Land, das sich seit 1955 nicht entscheiden kann, ob es Musikverein oder Bierzelt oder einfach nur kaputt sein will. Ausreißer, dafür: Rosalía, weil eine Playlist ohne »jung, weiblich, international« heute aussieht wie ein Aufsichtsrat ohne Diversitätsbericht. Hakerl gesetzt. Weiter mit Marianne Mendt, Hubert von Goisern, Ernst Molden – die Fraktion Stammtisch ohne Altlasten, das Beruhigungsmittel für alle, die bei »Love Rave« ausgestiegen sind und sich jetzt an »Wia a Glockn« festhalten wie an einem wackligen Geländer.
Und dann, mitten im August, mitten in der Sommerlochdürre: Schuberts »Winterreise«, ganz toll interpretiert von Clara Frühstück und Oliver Welter, aber ausgerechnet die Winterreise, das deprimierendste Werk der deutschsprachigen Musikgeschichte, in einer Sommer-Playlist. Das ist nicht mal mehr Ironie. Die Sonne scheint, die Wälder brennen, und wir hören trotzdem was von Erstarrung und Einsamkeit, weil es sich sonst nicht echt anfühlt.
Obama musste die Coolness nicht behaupten, er musste sie nur nicht widerlegen. Unser Opa aus der Hofburg behauptet sie einfach mal, mit Ansage und Kopfhörern von 1984. Aber genau dadurch verschwindet sie augenblicklich. Man kann nicht »popular demand« sagen und dabei cool bleiben. Das ist wie wenn man vor dem Handstand ansagt: „Schaut mal alle her.“ Der Handstand ist dann schon vorbei, bevor er angefangen hat.
Was uns das eigentlich sagt: dass Authentizität mittlerweile ein Produkt ist, das man in Auftrag gibt, mit Lieferdatum, pünktlich zur Sommerpause, wenn sonst nichts passiert und der tolle Thailandurlaub genauso wie die Spotify-Wraps noch elf Microhypes entfernt sind. Ein Bundespräsident, der öffentlich Nocturnes und Anna Ulrich gleichzeitig hört, zeigt uns jedenfalls nicht seine berufsjugendliche Vielseitigkeit. Er sagt uns »ich bin für jeden von euch irgendwas, keine Ahnung was, habt mich trotzdem alle gern!«
Und wir alle machen mit. Lachen über DJ Ötzi neben Bach, teilen den Post, schreiben sogar Glossen darüber. Und genau das war der Plan: dass wir über die Playlist reden und nicht über irgendetwas, das tatsächlich mit dem Amt zu tun hätte. Social-Media-Charlotte hat gewonnen. Die Republik hört jetzt diese Scheisse. Und niemand, wirklich niemand, fragt sich, warum.
Grundrauschen gibt’s gratis
Radio Gaga
Heute ist der dritte Dienstag im Monat, das heißt: Heute läuft leider Grundrauschen auf Radio Orange 94.0.
Martin Kohlstedt im Interview
Martin Kohlstedt macht Klaviermusik, die sich nicht dafür entschuldigt, dass sie Klaviermusik ist. Der Thüringer, aufgewachsen im Eichsfeld, katholisch-konservativ, auf Befehl, hat sich irgendwann entschieden, das alles nicht mehr als Schicksal zu tragen, sondern als Material. Wer Nils Frahm für zu gefällig hält und Hauschka für zu verspielt, landet bei Kohlstedt – und bleibt. Sechs Alben, deren Titel man auch als Vokabeln für eine Wanderkarte oder ein Philosophieseminar nehmen könnte: »Tag«, »Nacht«, »Strom«, »Ströme«, »Flur«, »Feld«. Jetzt: »Kluft«.
Martin, dein neues Album heißt »Kluft«. Das klingt entweder nach Abgrund oder nach Berufsbekleidung. Bist du am Klavier im Dienst der Melancholie oder ihr Opfer?
Martin Kohlstedt: Die »Kluft« begann mit der Metapher. Eine Kluft ist nämlich nicht nur der Bruch, sondern oft auch: die Kluft zwischen etwas, jedenfalls zwischen zwei Polen. Der Raum dazwischen hat dagegen keine Definition. Viele versuchen sich mit Begriffen wie »liminal« anzunähern. Allerdings war mir das zu wenig, denn: Was mir 2023 widerfahren ist, entsprach weder einer alten noch einer neuen Form.
Was ist passiert?
Vielleicht einfach nur eine Midlife-Crisis, aber: Eigentlich plagt die ganze Gesellschaft gerade ein ähnliches Gefühl. Die »Kluft« hat es für mich jedenfalls perfekt beschrieben. Ich habe mir in dieser Zeit so etwas wie eine Rüstung angelegt, damit niemandem auffällt, dass meine Identität wackelt. Darin war ich wohl im Dienste der verbindenden Melancholie unterwegs. Ich habe Lösungen gesucht, wie ich mit der Nicht-Definition des Dazwischens umgehen kann. Daraus entstanden zwölf Punkte, die diese Kluft umreißen. Sie haben mir geholfen, es durch eine Phase der Identitätslosigkeit zu schaffen.
Alles Kohlstedt drüben bei LoopRituals.
Weiterlesen, weiterdenken
- Michi Zangerl kennt Schlegel, Hirsch und Ironie
- Er hat aber auch mit dem Drummer von Nina Simone geplaudert
- Benjamin Stolz war beim Popschfest (und bei Pummelpete)
- Ania Gleich hat noch immer gute Festivaltipps
- Sie hat aber auch ein sehr langes Interview mit Bianca Ludewig geführt
- Frank Jödicke mag keine Plastiktoten
- Thomas Kiebl hat die KI benutzt und nichts gesagt (sorry!)
Aus der Glosse: Warum Techno Running Clubs die Hölle auf Erden sind
Wien, Prater, Hauptallee. Eigentlich ein Ort für melancholische Hundebesitzer, heimtrabende Fiaker-Pferde und Menschen, die in Würde altern wollen. Eigentlich. Heute vibriert der morsche Asphalt zu einem mitleidlosen Unz-Unz-Unz. Denn da hinten stürmt sie heran – eine Wand aus neonfarbenem Hochleistungspolyester, sündteuren Carbonsohlen und Zähnen, die so weiß sind, dass sie im fahlen Abendlicht reflektieren.
Man kennt dieses Grauen ja mittlerweile überall. In Berlin rennen sie bei RunRave mit LED-Stäben durchs Märkische Viertel, als gelte es, eine Designerdroge vor dem Verfall zu retten. Im fernen Kiel peitschen sie sich beim Techno Running Club an der Kiellinie entlang, angeführt von Marketing-Fynns und Werbeagentur-Charlottes, die mit Mitte 20 merken, dass ihnen die Jugend entglitten ist. Und jetzt hat dieser Heuschreckenschwarm der hyperaktiven Selbstoptimierung neben Potsdamer Parkanlagen also auch Wien erfasst.
Alles aus der Glosse drüben bei LoopRituals.
Was diesen Monat rauscht
chra – 25xx52 (falsch)
Lang ist das Jahr, es ist wirklich lang, als Kind ist es ewig, aber wenn man älter wird, dann ist es nicht mehr so lang, dann ist es nur noch eine, wie soll man sagen, kurzweilige Angelegenheit, die mit einem schönen Vorsatz beginnt, zum Beispiel mit Rauchen aufhören oder endlich wieder anfangen, und dann ist es eigentlich vorbei, 52 Wochen, das ist ja keine Zeit für ein Tagebuch.
Abby Lee Tee – Nature’s Engineers (Duzz Down San)
So tief sitzen die Hosen noch ganz gut.
Soul Curator – Dark Night of the Soul
Es ist 1972 und alle wollen eigentlich nur Ege Bamyasi hören.
The Smiling Buddhas – Off the Field
Der Fadi schreibt, im Studio ist es schön kühl, aber ich rieche schon, wie es herbschtelt, da droben.
Cold Earth – I Have Drained The Heavens
Ich, tschhhhhh, glaub, tssccchhh, da, tsscsshhhh, stimmt was, tscsschhh, nicht mit deinem, tschhhshshhshs Lautsprechssssshhhhhh, äh.
krawalulu – MR POLIZIST
Deutschland zieht nach Wien Neubau und findet alles uhrtoll.
9abriela – grounding
Auch so ein als Copingmechanismus gegen Grundbeschissenheit getarnter Distinktionsakt, einfach Kopf einziehen und in die Kunstschule gehen.
Hautzinger, Zoubek, Schick, Buck – Pulsar (Trost)
Es hat niemand gesagt, dass es leicht werden wird, niemand!
Fraktion FX86 – To The Radio (Billiard Records)
Aber was ist schon seicht.
Observer – Uncommon Archetypes
Techno, guter Techno, dieser Techno.
gatekeeperr – Veil Language
Trink das, Herbert.
Iman Taghadossi / Venter – idò
In Bregenz gibt es den Bodensee und einen Milchpilz und das wäre ja alles schon schön, aber heute lerne ich, das ist noch nicht alles.
Suntan Club – More of That Fuzz
Deine Gitarre, ein Surfbrett, wahnwitzige Vorstellung!
Justin Konrad – Entkoffeinierter Kaffee (Tandler Records)
Wie hat der Nino aus Wien schon gesungen: So geil, wie du glaubst, dass du geil bist, ist es nicht, gell.
Nømad – Liminal
Und jetzt alle: Viele, viele bunte Smarties!
Sebass – nebula
Sitzt den ganzen Tag im Bett, weil er muss, und macht so Bäm-Bäm-Träcks, weil er kann.
Daru7 – Life in a box,... of mail?!?
Nicht dass die Leute auf die Idee kommen, wir hätten hier keinen Poscher.
Lukas Lauermann – Position and Relation
Alle die ihn kennen, die wissen, das bedarf, ganz sicher, einer längeren Erklärung, wahrscheinlich noch zwei weiteren Absätzen oder mindestens, also, vermutlich, drei Nebensätzen, bis man das voll, äh, umfänglich, das heißt, in allen Facetten der Feuilletonfickerei versteht.



